Vorsaison


Kurvige Strecken mit und ohne Asphaltbelag genoss Touratech Mitarbeiter Alexander Schönborn auf seiner Tour durch das südliche Dalmatien. Und als ob es an Land nicht schon genug zu entdecken gäbe, lockten auch die zahlreichen vorgelagerten Inseln mit spannenden Abstechern.

Text: Alexander Schönborn, Fotos: Elke & Alex Schönborn

Dass ich vor einigen Jahren meine Tourenleidenschaft wiederentdeckte, heißt nicht, dass ich nicht immer noch mit Leib und Seele Sportendurist wäre. Für unseren Urlaub schwebte mir also ein Reiseziel vor, dass die Verbindung beider Facetten meiner Motorradleidenschaft erlaubt.
Gesucht, gefunden. In Primosten, westlich der dalmatinischen Metropole Split, findet alljährlich der Krka Enduro Raid statt: Der perfekte Beginn einer Tour durch den Süden Dalmatiens. Während meine Frau Elke und ich mit der Triumph Tiger anreisen, haben Freunde meinen Zweitakter österreichischer Herkunft freundlicherweise nach Primosten mitgenommen.

Ich gönne mir also erst einmal zwei wunderschöne Endurotage, währenddessen Elke den Strand, die Wanderwege in den Bergen und das tolle Städtchen Primosten genießt. Die Zielankunft nach dem zweiten Tag feiern wir gemeinsam mit Freunden und rund 500 anderen Enduristen am Strand, direkt im Anschluss an die letzte Sonderprüfung.

Nach einem Tag Ruhepause starten wir unsere Reise. Die gut ausgebaute Magistrale führt uns unspektakulär weiter nach Split. Unsere Triumph Tiger 800 macht trotz hoher Beladung mit ihrer ruhigen und geschmeidigen Art eine Menge Spaß. Größer könnte der Unterschied zu den beiden Zweitakttagen in Primosten kaum sein.

Kurz hinter Split zeigt sich die Küstenstraße dann von ihrer dramatischen Seite: Die Berge rücken ganz nah ans Meer, die Streckenführung kostet jede Bucht aus. Den einheimischen Motorradfahrern mit ihren sportlichen Bikes kommen wir mit unserer eher geländegängigen Engländerin nicht im Ansatz bei. Macht aber nichts, das flüssige Kurvenfahren mit den Bergen zur Linken und dem stahlblauen Meer zur Rechten ist einfach eine Wucht.

Nahe der Stadt Makarska suchen wir uns einen Campingplatz direkt am Meer. Wir haben Glück und finden mit dem Camp Male Ciste eine kleine, malerisch unter Pinien gelegene Anlage. Anfang Mai ist noch Vorsaison, und der Campingplatz kaum belegt. Wir können uns direkt am Meer mit Sicht auf die Insel Hvar breitmachen.

Alpine Gefühle im Biokovo

Kurz hinter Podgora zweigen wir von der Küstenstraße ins Landesinnere mit Kurs auf den Nationalpark Biokovo ab. Ein schmales und sehr kurvenreiches Sträßchen führt quer durch den Park bis auf den 1762 Meter hohen Gipfel des Sveti Jure, die höchste Erhebung im Biokovo Gebirge. Spektakuläre Aussichten auf die Makarska Riviera wechseln sich mit schönen, fast schon hochalpinen Tälern ab. Die letzten Kilometer bis auf den Gipfel bestehen ausschließlich aus Spitzkehren. Belohnt wird man nach dem Gipfelsturm mit einem Rundumblick über den Nationalpark, auf einer Seite bis zur Küste, auf der anderen bei klarem Wetter bis nach Bosnien und Herzegowina.

Zurück auf der Magistrale. Unser nächstes Ziel heißt Drvenik. Von dem beschaulichen Hafenort pendelt stündlich eine kleine Autofähre nach Sucuraj auf der Insel Hvar. Runde 60 Kilometer schlängelt sich die Hauptstraße von einem Ende der Insel bis zum anderen. Hvar Stadt ist mittlerweile in den Sommermonaten eine beliebte Partydestination für Feierwütige aus der ganzen Welt. Vor den Clubs ankern auch jetzt schon eine Menge sehr schicker Yachten. Wer es ruhiger haben möchte und lieber Kurven kratzt, zieht ein Stück weiter nach Starigrad oder Jelsa auf der Ostseite der Insel. Deutlich gemütlicher lässt es sich hier lecker Essen und durch die Altstadt bummeln.

Auf der Rückfahrt zur Fähre nach Sucuraj nutzen wir einige der vielen zum Teil nur geschotterten Wege in die unzähligen Buchten der viertgrößten Adriainsel. Keine Menschenseele weit und breit und kristallklares Meer – da ist der Sprung ins Wasser fast schon Pflicht.

Neben den wunderschönen Buchten, hohen Bergen und den lebhaften Städtchen bietet Hvar noch eine weitere Besonderheit: Die Stari Grad Plain (flaches Land) wurde 2008 in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Fast unverändert hat sich diese Kulturlandschaft seit der Besiedelung durch Griechen aus Paros im vierten Jahrhundert vor Christus bis heute erhalten. Wie vor 2400 Jahren werden hier noch heute Wein und Oliven angebaut. Zahlreiche Steinmauern und steinerne Unterstände haben sich ebenso erhalten wie Spuren des griechischen geometrischen Systems.

Die nächste Etappe auf dem Festland führt uns weiter die Küste hinab. Auf dem Weg zur Halbinsel Peljesac müssen wir kurz aus der Europäischen Union aus-, um ein paar Kilometer weiter wieder einzureisen. Bosnien und Herzegowina wurde nach den Balkankriegen ein Meerzugang zugesprochen, der sogenannte Neum Korridor. An der schmalsten Stelle ist er nur fünf Kilometer breit. Hier wird uns in Erinnerung gerufen, wie selbstverständlich doch das Reisen ohne Grenzkontrollen innerhalb der EU geworden ist.

Wieder zurück in Kroatien geht die Fahrt über die historische Stadt Ston nach Peljesac. Das Kleinstädtchen weist mit der längsten erhaltenen Wehrmauer Europas eine historische Besonderheit auf.  

Motorradfahren auf Peljesac macht richtig Laune. Schön gebirgig mit feinen kurvenreichen Straßen versehen, ist die Halbinsel ein echter Tipp, um sich schwindelig zu fahren. Auch gibt es zahlreiche Möglichkeiten, in den Bergen schöne Geländetouren zu fahren. Immer wiederkehrende Aussichten auf Buchten mit kristallklarem, türkisem Wasser sind ein Genuss.

Am Abend quartieren wir uns auf dem Campingplatz Antony im Surfspot Viganj ein. Mit Blick auf die gegenüberliegende Insel Korcula lassen wir uns den hervorragenden lokalen Rotwein schmecken, für den ­Peljesac berühmt ist.

Hört man nach dem Genuss einiger Gläser des Nachts wolfartiges Geheule, ist dies keine alkoholbedingte Halluzination. Es sind Schakale. Die hundeartigen Raubtiere wurden im 15. Jahrhundert von Matrosen auf der Insel ausgesetzt, um der Schlangenplage Herr zu werden. Und die Tiere fühlen sich bis heute sehr wohl hier – was wir gut verstehen können.
Mittlerweile sind wir einige Zeit auf Peljesac hängengeblieben. Wir haben die entspannte Atmosphäre genossen und gut gegessen, sind oft den Küstenweg entlangspaziert und haben die Kapitänshäuser in Orebic bewundert. Und wird sind einige Male mit der Tiger über die Halbinsel und nach Korcula getourt. Doch nun muss Schluss sein. Mit Albanien wartet ein weiteres faszinierendes Ziel an der Adria auf uns.

REISEINFO

Anreise:  Schon die Anreise in den Süden Kroatiens gestaltet sich kurzweilig und bietet immer wieder wechselnde Landschaften. Hat man über Österreich und Slowenien Kroatien erreicht, kann man die Tour durch das sehr dünn besiedelte Lika-Gebirge im Zentrum des Landes Richtung Küste legen. Ist das Zeitbudget hingegen knapper, gibt es seit einiger Zeit die Möglichkeit, über die gut ausgebaute und meistens leere Autobahn Richtung Split zu fahren. Der Nationalpark im küstennahen Velebit ist für Zwischenübernachtungen eine gute Wahl.

Reisezeit:
  Der Mai ist die perfekte Reisezeit für den Süden Dalmatiens. Das Wetter ist meistens gut, die Temperatur sind noch nicht zu hoch, und vor allem sind die Straßen noch wenig befahren. Das sieht hier im Sommer ganz anders aus

Motorradfahren:
  Wenn man das Küstengebirge mit dem Motorrad durchquert, sollte man auf der Meerseite immer auf die starken Winde achten. Egal ob Bura (Fallwind vom Gebirge) oder Jugo (vom Meer her blasend) – beide Winde können dem vollbepackten Motorrad ganz schön zu schaffen machen. Vor allem die Bura tritt ohne jegliche Vorwarnung teilweise in Orkanstärke auf.

Unterkunft/Verpflegung:  In Küstennähe des Festlandes und auf den Inseln bietet Kroatien ein engmaschiges Netz von Campingplätzen. Auch Hotels sämtlicher Kategorien sind zahlreich vorhanden. Etwas länger kann die Suche nach einer geeigneten Unterkunft in touristisch weniger erschlossenen Regionen des Landesinneren dauern.
Die in Restaurants verfügbare kroatische Küche hat in den zweieinhalb Jahrzehnten seit dem Ende des Sozialismus einen enormen Schub in Sachen Vielfalt und Qualität gemacht. Auch die Weine aus einigen Lagen haben Anschluss an internationales Spitzenniveau gefunden. Ein Restaurant, in dem man gut und günstig essen kann, muss man entlang der Küste selten lange suchen.

Kategorie: Adventure | Travel