Quer durch


Rund 700 Kilometer Autobahn liegen zwischen dem Touratech Shop von Méry-sur-Oise bei Paris und der Niederlassung in Orange. Möchte man die Tour, wie Yvon Bodelot von Touratech France, jedoch auf kleinsten Nebenstrecken fahren, darf man getrost mit dem Doppelten rechnen.

»La France profonde«

Am Arc de Triomphe
Nach unserem Aufbruch in Paris fahren wir einen kleinen Umweg zum berühmten Arc de Triomphe im Stadtzentrum.

Text und Fotos: Vincent Lamille

Irgendwo, mitten in der Creuse, an einer der seltenen Tankstellen in diesem von der Bevölkerungsdichte her an vorletzter Stelle stehenden französischen Département. Während wir auftanken, kommt ein alter Landwirt mit glänzenden Augen auf unsere kleine Gruppe zu:
»Donnerwetter, was habt ihr denn da für tolle Maschinen! Wohin geht die Reise?«
»Wir sind in der Umgebung von Paris gestartet und wollen möglichst über Nebenstraßen in die Provence. Das hat uns in Ihre schöne Gegend geführt.«
»Ach so, da habt ihr's aber gut! Ich bin 80 und kam nie hier weg. Tja, so ist es, wenn man Tiere hat, da gibt's keinen Urlaub… Genießt es!«
Diese Problematik mit dem Urlaub ist Yvon Bodelot wohl bekannt, da er den Shop in Orange nur zwischen Weihnachten und Neujahr schließt. Aber das lange Wochenende um den 15. August hat ihn auf eine Idee gebracht: Es wäre doch toll, jetzt, da es in Méry-sur-Oise eine zweite Verkaufsstelle gibt, die beiden mit einer Motorradtour ausschließlich über Nebenstrecken zu verbinden.
Yvon greift zum Hörer. Er muss die Idee mit Philippe und Florence Perrenoud von Trail Rando besprechen. Schnell steht das Projekt: Mit einem Team aus fünf Freunden und einem Kunden der Reiseveranstalter will man die Tour gemeinsam angehen. Streckenweise wollen die Abenteurer der Route »Diagonale Méditerranée«, einem Angebot von Trail Rando, folgen. Mit dem Unterschied allerdings, dass die Reise in Eigenregie ablaufen wird, inklusive Übernachtungen in freier Natur.
Gestern Abend, während die erschöpften Île-de-France-Pendler von der Arbeit heimfuhren, sind wir nach einer kurzen Ehrenrunde in der Hauptstadt Richtung Süden aufgebrochen.

Planung der Route
Unterwegs quer durch Frankreich

Pascal Portes von Touratech Paris hätte uns für den Abschnitt durchs Département Île-de-France auch eine seiner Off-Road-Strecken zeigen können, doch aus Zeitmangel sind wir über die Autobahn gerauscht. Heute Morgen, vor dem Abbiegen auf die erste Schotterpiste, genügte es, den Reifendruck abzusenken, um Reisekomfort und Fahreigenschaften zu optimieren. Endlich konnten wir »France profonde«, das ländliche und traditionelle Herz Frankreichs, (wieder)-entdecken – es gibt es wirklich! Denn, ehrlich, die Traktoren aus den 1960er Jahren, die Renault 4L und die Peugeot 205 wurden noch lange nicht alle verschrottet. Die findet man immer noch hier und da in diesen ruhigen und letztlich wenig bekannten Landstrichen, auf diesen Dörfern, in denen Naturstein noch immer viel stärker vertreten ist als Hohlblocksteine. Alte Geschäftsfassaden, die beim Reisenden eine nostalgische Stimmung aufkommen lassen, sind Zeugen einer längst vergangenen wirtschaftlichen Tätigkeit. Andererseits verdankt man es als Reisender genau jenem Fortschritt, der die alte Zeit hinwegfegte, dass man sich mit einem Blick auf das Navi jederzeit in diesem Labyrinth aus Nebenstraßen zurechtfinden kann.

Der Blick über das zentrale Frankreich
Baden im Bach

Am Horizont zeichnen sich bald das Zentralmassiv und die Kette der Puys ab – ein kleiner Vorgeschmack auf eine zerklüftete Gebirgslandschaft und die damit verbundene Herausforderung ihrer Überquerung. Nach einer Fahrt über eine ehemalige, nun stillgelegte Bahntrasse entlang der Schluchten eines Zuflusses der Dordogne müssen wir schon ans Auftanken und Einkaufen von Lebensmitteln denken. Nach einem ganzen Tag, an dem uns mehr Kühe als Menschen begegnet sind, erleben wir den Supermarkt von Bort-les-Orgues, einem Dorf mit 2859 Seelen, fast als überfüllt. Dort fällt uns auch sofort eine Gruppe Jugendlicher ins Auge, die auf schwer beladenen Mofas sitzen. Auch sie sind in der Umgebung von Paris gestartet und haben sich ins Abenteuer gestürzt! Die Achtung, die wir vor ihrer »Expedition« auf den 50-Kubik-Maschinen empfinden, ist genauso groß wie ihre Bewunderung für unsere Tour, unsere großen Enduros sowie unser Equipment. Diese zufällige Begegnung zwischen Reisenden verschiedener Generationen war ein Highlight!
Wer noch nie nackt in einem Bach gebadet hat, bevor er sein Zelt auf einer Wiese aufgeschlagen und am Lagerfeuer ein paar Würstchen gebraten hat, kennt das immense Glücksgefühl nicht, das einem solch einfache Momente bescheren. Nach einer Nacht unterm Sternenhimmel begeben wir uns mit neuem Schwung wieder auf die Piste.

Harte Arbeit mit den grossen Mehrzylindern
Einspurige Hlozbrücke
Offroad only
Ein Dorf im Herzen Frankreichs

Genau genommen auf die Wege des Cantal, denen wir nach Durchquerung einer Reihe von Tälern attestieren können, dass sie noch holpriger sind als die am Vortag. Die einsamsten Wege sind von Pflanzen so überwuchert, dass unsere Zega Koffer gerade noch genügend Platz finden, sich ihren Weg zu bahnen. Diese Strecken werden sich über kurz oder lang nicht mehr von ihrer Umgebung unterscheiden lassen. Insbesondere gilt dies für die Anhöhen um Montboudif, jenem Dorf, in dem Altpräsident Georges Pompidou zur Welt kam. Die Abgeschiedenheit des Ortes lässt erahnen, wie vor dem Krieg die gesellschaftliche Förderung dieses Mannes durch das öffentliche Bildungssystem  ausgesehen haben mag…
Die Zufahrt zur Hochebene von Cézallier muss man sich erarbeiten. Während eines etwas gemeinen Aufstiegs erinnern wir uns an die Warnung von Trail Rando: »Die Diagonale Méditerranée haben wir für leichte Enduros wie etwa die XT 660 ausgearbeitet. Noch nie wurde sie mit großen Mehrzylindern befahren; und eure Zuladung wird es nicht einfacher machen. Ihr werdet also die ersten sein – gebt uns Bescheid, ob es funktioniert!« Unser vorläufiges Fazit lautet: »Nun, Philippe, ja – manchmal ist es ziemlich knapp, aber es funktioniert. Zumindest wenn es trocken ist … Auf jeden Fall hat man das Gefühl, dass man sich die Fahrt durch diese weitläufige menschenleere Landschaft mit ihren atemberaubenden Panoramen redlich verdient hat!«
Erst nach Einbruch der Dunkelheit bauen wir, wie immer weit weg von neugierigen Blicken, am Ufer eines Baches unsere Zelte für das letzte Biwak auf.

Am nächsten Morgen verschieben wir die Abfahrt ein wenig unter dem Scheinvorwand, dass die Sonne ganz schön lange braucht, um das Tal zu erhellen, in dem wir Zuflucht gefunden haben. Um bei der Wahrheit zu bleiben: Unsere Körper fangen an, unter den Strapazen zu leiden, aber am Ende erweisen sich die ersten Schlaglöcher als viel effizienter als der Kaffee, um uns aufzuwecken. Der GPS-Track führt uns nun vorbei an alten Bauwerken, deren Mauern eine enorme Dicke aufweisen, an vereinzelten Bauernhöfen, die mit ihrer Bauweise den schlimmsten Angriffen des Winters und dem Zahn der Zeit standhalten können.
Mitte August hält das Unterholz des Départements Haute-Loire noch einige Sumpflöcher bereit, die man woanders nicht mehr findet. Sie lassen erahnen, welche Schwierigkeiten auf diejenigen warten, die sich bei Regenwetter hierher wagen. Während wir mit der gebotenen Vorsicht eines durchwaten, prescht uns ein Mountainbiker entgegen, der mit gesenktem Kopf hineinrast… und der Länge nach im Schlamm landet. Bei diesem Anblick fällt es uns schwer, das Lachen zu unterdrücken.
Thierry Floreck, der anlässlich eines Travel Events oder einer Schulung immer gern seine Erfahrungen mit den anderen Touratech Kunden teilt, hat es sich verdient, auf dieser Reise unser Gast zu sein. Da er erst neulich von einer weiteren Reise durch die Mongolei zurückgekehrt ist, hätte man befürchten können, er sei nach dem Anblick jener schönen und fremden Landschaften abgestumpft. Weit gefehlt – seine Begeisterung, als er die Hochebene und die vulkanischen Bergspitzen des Mézenc entdeckt, ist alles andere als gespielt. Nach einem improvisierten Picknick mit Blick auf die Ardèche-Hügel und mit Fernsicht bis zu den Alpengipfeln ist es um ihn geschehen: Er wird demnächst wieder hierher kommen.

Landschaftliche Schönheit
Glücklich angekommen

Die Temperatur steigt stetig, und auch die Veränderung von Bodenbeschaffenheit und Vegetation, die wir längs der geröll­übersäten Pfade hinter dem Col de Mézilhac bemerken, sind erste Hinweise darauf, dass wir uns den Cevennen nähern. Vulkangestein und Heidekraut werden abgelöst von Schiefer und Kastanien, bevor heller Kalk die Landschaft prägt.
Vor 72 Stunden präsentierten wir uns mit noch glänzenden Motorrädern auf der Place de l'Étoile mit ihrem berühmten Triumphbogen. Und jetzt stehen wir verstaubt und müde in Reih und Glied vor dem Bogen von Orange, dessen Ausmaße bescheidener sind, der aber in unseren Augen viel symbolträchtiger ist. Er ist der Schlusspunkt eines schönen Abenteuers unter Freunden, einer schönen Reise durch dieses Land, dessen Kinder wir sind, das wir jedoch, wenn wir ehrlich sind, nicht wirklich gut kennen. Zweifelsohne liegt es daran, dass wir immer den schnellsten und bequemsten Verkehrsachsen den Vorzug geben.
Wir haben auf dieser Tour gelernt, dass das Abenteuer nicht nur an weit entfernten und exotischen Reisezielen zu finden ist. Sehr oft liegt es ganz in unserer Nähe. Und um es zu finden, bedarf es nicht mehr als eines verlängerten Wochenendes, etwas Einfallsreichtum und einer guten ­Planung.

Kategorie: Adventure | Travel