Loca América del Sur


Nach drei Jahren Reise kreuz und quer durch Südamerika begibt sich Martin Leonhardt in Kolumbien an Bord eines Schiffes mit Kurs Kuba. Hinter ihm liegen 100.000 Kilometer auf einem Kontinent voller Abenteuer und unvergesslicher Erlebnisse. Text und Fotos: Martin Leonhardt

Festgefahren in Südamerika

Cartagena: Mit kurzer Hose, Flip-Flops und T-Shirt stehe ich am Hafen und blicke auf das Meer hinaus. Die Sonne steht hoch und spiegelt sich im Wasser. Wunderschön ist es hier, im Norden Südamerikas. Keine 500 Meter neben mir baumelt mein Motorrad gerade am Haken eines wackeligen Krans und wird vom Kai in einen alten Dampfer geladen. In wenigen Tagen wird uns dieser nach Kuba bringen.
1150 Tage sind vergangen, seit die KTM auf den Planken eines Schiffes stand. Zuletzt im Oktober 2013 für den Transport von Hamburg nach Valparaiso. 1150 Tage für eine Reise von Chile bis nach Kolumbien, für eine Reise durch einen Kontinent, der mir viele Abenteuer und unglaubliche Freiheit geschenkt hat. Ich bereiste so viele Länder, wie ich konnte und traf auf Menschen die mein Herz mit Freude, Liebe, Glück und Trauer füllten. Ich fühlte frostige Kälte und extreme Hitze. Ich sah spektakuläre Landschaften und wunderschöne Natur. Ich war unter Null und über 6000 Meter. Starke Winde zerstörten mein Zelt, und mein Motorrad steckte in tiefen Flüssen fest. Ich fuhr durch Schnee, Eis und Wasser, über Wüstensand, schwere Pisten, Steine, besten Asphalt und vieles mehr. Fast 100.000 Kilometer liegen hinter mir. 100.000 Kilometer reich an unvergesslichen Erinnerungen, die für ein ganzes Leben reichen. Mein Leben! Und es soll genau so weiter gehen wie in den vergangenen drei Jahren. Weiter will ich unbekannten Straßen folgen auf der Suche nach den verborgenen Schätzen unseres Planeten.
Das Motorrad ist verstaut und gesichert. Zum Abschied von Südamerika schlendere ich durch die hinreißenden Gassen der schönsten Stadt Kolumbiens. Ich bin sehr nachdenklich dieser Tage und frage mich, was genau eigentlich geschehen ist, in all der Zeit, in all dem Südamerika. 

Atacama Wüste
Reifenwerkstatt im Pantanal

Am Anfang war die Wüste, ich kann mich noch gut erinnern. Kaum angekommen, hatte ich mich in das große Motorradabenteuer Atacama gestürzt. Der Norden von Chile, Bolivien und der Süden von Peru waren für fast sechs Monate mein Zuhause. Die staubigen, trockenen Pisten waren sehr anstrengend, und schwindelerregende Höhen nahmen mir den Atem. Bis auf 5800 Meter ging es auf dem Altiplano hinauf, ein unglaubliches Panorama folgte dem nächsten. Für Wochen hatte ich wild inmitten der weiten Landschaften genächtigt, meist ohne Zelt. Die Abermillionen Sterne und manchmal auch der Mond versüßten zuverlässig die klaren Nächte. Kaum ein anderer Ort Südamerikas bietet soviel pure Freiheit wie diese weite Wüste.
Mancherorts begegnete ich sehr zurückgezogenen Menschen. Zusammen mit den wenigen Tieren, die hier oben existieren, meistern sie ein Leben unter extremen Bedingungen. Auch die mächtigen Gipfel der Anden haben mich auf weiten Strecken meiner Reise begleitet. Ich bestieg aktive Vulkane und gletscherbedeckte Sechstausender. Tagelange Wanderungen ließen mich die Zeit vergessen und in einzigartige Naturschönheiten eintauchen, welche ich mir zuvor nicht einmal im Traum vorstellen konnte. Die vielen Andenpässe sind ein einziger Motorradtraum. Auf tausenden Kilometern über beste, kurvenreiche Straßen und Schotterpisten folgte ein erlebnisreicher Tag dem anderen.

Paso del Diablo im Grenzgebiet von ­Bolivien und Argentinien

Die Ozeane, der Atlantik und der Pazifik, hießen mich stets als Freund willkommen. Sie luden mich zum Entspannen ein, und ich ließ die Seele gerne baumeln. Besonders im Norden des Kontinents, ob im Osten oder Westen, fanden sich die schönsten und auch einsamsten Strände. Sonne, Palmen und das weite Meer, soweit das Auge reicht.
Die Regenwälder aber, die waren mir mehr Feind als Freund. Matschige Pisten, Wochen voller Regen, Moskitos und eine schier unerträgliche Hitze ließen mich an meine physischen und psychischen Grenzen kommen. Auch das Motorrad musste kämpfen und leiden. Zusammen haben wir uns aber immer durchgeschlagen, auch wenn es mehr als einmal nach dem absoluten Stillstand der Reise aussah.
Es ist Zeit zum Frühstücken, und ich kehre in einer der günstigen Panadarias ein. Diese einzigartige Mischung aus Bäckerei, Coffee Shop und Bar gibt es in ganz Südamerika fast an jeder Straßenecke. Hier tummeln sich jeden Morgen die Einheimischen. In Kolumbien trinken sie ihren überzuckerten Tinto, eine Kaffeespezialität, die ursprünglich aus Bohnen hergestellt wurde, die nicht für den Export geeignet erschienen. Mittlerweile hat sich die »Resteverwertung« zu einem Renner entwickelt, für den sogar extra Bohnen aus dem Nachbarland Ecuador reimportiert werden. Während um mich herum angeregte Gespräche geführt werden, lasse ich meine Gedanken weiter schweifen.

Fiesta del São Juan in São Luis/Brasilien
Fiesta del São Juan in São Luis/Brasilien
Kinder in Manaus
Kinder in Manaus
Isla de Pescado im Salar de Uyuni
Isla de Pescado im Salar de Uyuni

Mein erstes Problem war nach der Ankunft in Südamerika die Sprache. Mein Spanisch war ganz gut, die unterschiedlichen Dialekte und landestypischen Eigenarten waren mir jedoch nicht bekannt. Das argentinische Spanisch beispielsweise mit seinen vielen »Sch« sagte mir nicht zu. Da war mir eine klare Aussprache, wie in Kolumbien und Venezuela üblich, lieber. Und dann war da natürlich noch Brasilien. Portugiesisch – um Himmels willen –, ich dachte ich bin in China angekommen. Am Anfang fand ich das überhaupt nicht »legal« (geil). Start von Null und fleißig lernen, hieß es für mich, bevor es in Brasilien mit dem Reisen so richtig losgehen konnte.
In Argentinien wurde ich sehr oft eingeladen, meist zu einem Bierchen, manchmal gab es ein saftiges Churrasco. In Brasilien wurde stattdessen eine gekühlte Kokosnuss oder eine Caipirinha gereicht. Chile hat den Pisco und Peru selbstgebraute Chicha. In Ecuador gibt es die Drogen, die interessierten mich aber nicht, und in Kolumbien reichte auch meist ein kühles Bier, um in Gesellschaft zu kommen.
Gefeiert wird in ganz Südamerika sehr ausgiebig und gerne. Das Wichtigste ist die Familie, dann kommt die Kirche, die sich ihren Rang mit dem lieben Fußball streitig macht. Da es viele Heilige, noch mehr Fußballspiele und auch sehr große Familien gibt, mangelt es niemals an einem Grund zu feiern. Ich besuchte Hochzeiten, Geburtstage, Prozessionen, Musikfestivals, den Karneval, Sportveranstaltungen, Motorradrennen, Stierkämpfe, Tanzabende und auch viele Feste, auf denen ich gar nicht wusste, was es zu feiern gab. Ich traf Jung und Alt. Kinder in den ärmsten Wohnvierteln und Schulen. Millionäre in ihren riesigen Anwesen. Senioren auf den Straßen, in den Parks und auch in einigen Heimen. Männer, Frauen, Familien. Das Leben spielt an jeder Straßenecke.

Das raue Klima Boliviens setzt auch den Kleinsten zu
Das raue Klima Boliviens setzt auch den Kleinsten zu
Passstraße im ­Süden Kolumbiens
Passstraße im ­Süden Kolumbiens
­Die Menschen im Bergland von Peru sind nett – aber etwas fotoscheu
Die Menschen im Bergland von Peru sind nett – aber etwas fotoscheu

Das Motorrad sorgte immer für Aufsehen und auf die Frage »¿Cuanto cilindraje tiene tu moto?« (Welchen Hubraum hat dein Motorrad?), musste ich fast keinen Tag verzichten. Tja, die Männer. Deren Machodenkweise und ihr Handeln waren mir des Öfteren doch ziemlich unangenehm. Aber was inter­essieren mich schon die Männer, wenn es in ganz Südamerika solch hübsche Frauen gibt. Einem Männerherzen wird in diesem Kontinent so einiges abverlangt. Man könnte sich fast täglich aufs Neue verlieben. Somit hatten mich die Gefühle das ein oder andere Mal etwas aus der Bahn geworfen. Auch Freundschaften konnte ich leicht schließen, manche davon für ein Leben. Jene Abschiede fielen mir nicht immer leicht, und mehr als ein Mal vergoss ich Tränen unter dem Motorradhelm. Es waren sehr prägende Momente, die mich noch immer tief beschäftigen.
Ich laufe an einer Statue von Simon Bolivar vorbei und bleibe einen Moment vor ihm stehen. Von ihm muss ich nun wohl auch Abschied nehmen. Im Hintergrund reihen sich die bunten Häuser Cartagenas aneinander. Auch die Plaza de Armas ist nicht weit. Südamerika hat seine Helden, und wohin man auch fährt, trifft man oft auf die gleichen Monumente. Die kleinen Städte zu passieren, kam somit oft einem Déjà-vu gleich. Jene sind mehr oder weniger von schöner, kolonialer Architektur geprägt. Meist haben jedoch moderne Häuser das Stadtbild verändert. Simon jedoch darf nirgends fehlen. Nur Venezuela macht hier eine Ausnahme. Dort lebt Hugo Chávez auch nach seinem Tod noch an jeder Mauer weiter, Parolen preisen die Segnungen des Sozialismus.
Jedes Land hat seine Schmuckstücke. La Paz, Sucre, Valparaiso, Rio de Janeiro, Ouro Preto, Caracas, Cusco, Quito, Cuenca, Mendoza, Cali. Ein großer Platz im Zentrum, eine Kirche oder Kathedrale, umgeben von vielen Restaurants und Cafés. In den Metropolen kann man sich regelrecht verlieren. Man kann im Chaos untergehen oder sich an der Fülle von kulturellen Angeboten erfreuen. Straßenkünstler tummeln sich zuhauf in den Zentren. Irgendwo spielt auch immer Musik. Tango in Argentinien, Salsa in Kolumbien und Samba in Brasilien. Es wird auf den Straßen getanzt, und wem das nicht reicht, der kehrt zum Ende des Abends in eine Tanzbar oder in eine Diskothek ein.

Heißer Geysir auf dem Altiplano in Bolivien
Fahre Ford in Venezuela
Eine von bestimmt hundert Flussdurchfahrten in Brasilien. Vorher erkunden ist Pflicht.

Es ist spät geworden. Den letzten Abend in Südamerika will ich aber nicht einfach im Hostel verbringen. Stattdessen suche ich mir eine kleine Bar, um noch einmal die Atmosphäre und das intensive Leben dieses Kontinents zu spüren. Die dritte Welt scheint mir hier so ganz in Ordnung zu sein. Die Musik wechselt zu Salsa, und ich vordere spontan eine Frau vom anderen Tisch zum Tanz auf. Während ich mit ihr die Kreise ziehe, können sich meine Gedanken nicht von den Erinnerungen trennen. Es ist sicherlich nicht der letzte Tanz meines Lebens. Aber der letzter Tanz eines prägenden Lebensabschnittes.
Kulturelle Schätze aus vorkolonialer Zeit sind eher im Westen als im Osten des Kontinents zu finden. Ich habe einige wichtige Inka-Stätten und viele weitere kleine Ruinen anderer Indianerkulturen besichtigt. In Gedanken stellte ich mir immer vor, wie dieser Kontinent sich wohl entwickelt hätte, und welche großartigen Schätze, welches Wissen er hervorgebracht hätte, wäre Kolumbus damals nicht über das weite Meer gefahren? Die Ausbeutung der Urvölker durch die Kolonisatoren ist eine traurige Tatsache. Aber auch in jüngster Zeit setzt die Moderne den noch wenigen übrig gebliebenen Indianervölkern schwer zu. Im Amazonasregenwald Brasiliens und Venezuelas konnte ich einen kleinen Einblick in das Leben der Nachkommen der einstigen stolzen Völker bekommen. Einfachste, naturverbundene Menschen werden mit modernen Technologien und Wohlstandsgütern versorgt, welche sie eigentlich nicht benötigen. Alkohol tut seinen Teil, und mehr als einmal blickte ich in verlorene Augen, welche die Welt einfach nicht mehr verstehen. Auch die enorme Naturzerstörung zu sehen, war für mich nicht immer leicht. In Brasilien fallen die Bäume des Amazonasregenwaldes, der einst riesige atlantische Regenwald existiert nicht mehr. Paraguay hat schon vor Jahrzehnten die wunderschönsten Wälder durch Öde Soja-Plantagen ersetzt. In Chile gibt es fast keinen Berg, der nicht von der Minenindustrie durchlöchert wurde. In Ecuador und Kolumbien kämpfen Aktivisten gegen die Ölindustrie, die auch hier immer weiter in den Amazonas vordringt.

Auf dem Weg nach Cabure

Abertausende Kilometer über Land, Stock und Stein mit dem Motorrad zu fahren, gab mir die großartige Möglichkeit, Zusammenhänge zu verstehen, Unbekanntes zu sehen und Orte zu Besuchen, die normalerweise nicht auf der Liste von Reisenden stehen. So konnte ich ein umfassendes Verständnis von Südamerika erlangen. Große Abenteuer lagen meist im scheinbar Unwichtigen verborgen. Ein falscher Wegweiser, eine Motorradpanne oder eine Sackgasse – das waren die Ausgangspunkte für einzigartige Erlebnisse. Intensive Erfahrungen lassen sich nicht planen, nicht suchen oder gar finden – sie fanden immer mich. Und das meist ganz unerwartet.
Und so stehe ich nun frühmorgens auf dem Oberdeck eines Schiffes. Die Fahrt beginnt, die ersten Wellen werden gebrochen. Meine Geschichte in diesem verrückten Südamerika hat sich zu Ende geschrieben. Nicht einmal einen Bruchteil unseres wunderschönen Planeten habe ich bis jetzt gesehen. Auf die nächsten 1150 Tage und eine spannende, ungewisse Zukunft!

Kategorie: Adventure | Travel