It is your adventure: Piemont – offroad…


Wenn feine italienische Küche und Asphalt, Schotter sowie Stein zusammenkommen, ist man im Piemont. Wieder einmal tauschen mein Freund Ulrich Merz und ich die Büro-Krawatte und Anzug gegen Helm und Companero ein, packen die Motorräder und fahren bei bestem Wetter im Schwarzwald nach Bardonecchia in Italien los. Die Anfahrten ins Piemont sind zwar nervig – aber nicht überaus lang. Nach knapp gut sechs Stunden Fahrt, zwei Tankstopps sowie fünf Cappuccini sind wir schon da.

Von Prof. M. Hoyer

Wie ein Labyrinth durchziehen Berg und Militärpisten das Piemont im Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich. Kaum durchquert man die Baumgrenze in den Westalpen, schon raubt einem der Ausblick in tiefe Canyons und auf schroffe Berge den Atem. Schwindelfreiheit ist daher ein Muss auf dieser Tour. Obwohl ich die alten Militärstraßen im Piemont bereits alle gefahren bin, das Piemont übt einen besonderen Reiz auf mich aus. Sei es der Wein, sei es das feine italienische Essen oder seien es die gewaltigen Enduro-Herausforderungen - dieses Jahr haben wir ein ganz besonderes Ziel im Auge. Wir wollen die "obere" Assietta-Kammstraße erkunden.

Da die Strecke seit Jahren nicht mehr unterhalten wird, hat sich der Zustand sehr verschlechtert. Seit dem Jahre 2004 ist sie für Enduristen gesperrt. Aufgrund von Hangrutschungen auf knapp 2000 Metern Höhe ist ein Weiterkommen auch mit leichten Geländemotorrädern praktisch unmöglich. Die "obere" Assietta wollen wir per Pedes - also zu Fuß - erkunden. Doch der Reihe nach. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Olympiastadt Bardonecchia, die im Rahmen der Winterolympiade 2006 von Turin Austragungsstätte für alpine Wettkämpfe war. Und gleich nach der Ankunft beginnt unser Offroad-Abenteuer auf meinen "Lieblingsberg": Der Monte Jafferau ist ein 2805 hoher, spektakulärer Berg in den cottischen Alpen im Grenzgebiet zu Frankreich. Er erhebt sich östlich der Stadt Bardonecchia linksseitig und trennt das Gebiet von Bardonecchia von Valfredda. Auf dem Gipfel befindet sich das am Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Fort Jafferau, eine bedeutende Festung, Teil des Vallo Alpino und eine der höchsten Befestigungsanlagen der Cottischen Alpen. Das gigantisch Schöne an diesem Gipfel ist die perfekte Weitsicht.

In alle Himmelsrichtungen kann man schauen und staunen. Und in einer geschätzten Luftlinie von ca. 10 Kilometer sehen wir bereits unser morgiges Ziel - die Assietta-Kammstraße. Der Klassiker unter den Kammstraßen ist die Assietta-Kammstraße. Sie ist wohl die beliebteste Höhenstraße in den Westalpen und verläuft auf dem Kamm zwischen dem Valle Susa und dem Valle del Chisone auf Höhen von etwa 2000 m bis 2550 m. Wir fahren sie auf unserem Weg in die Seealpen regelmäßig, gerne auf dem Hin- und Rückweg. Die Assietta-Kammstraße wird regelmäßig gewartet und ausgebessert und ist bei schönem Wetter eine echte Empfehlung insbesondere auch für Enduro-Einsteiger.

Zu beachten ist, dass die Assietta-Kammstraße in der Saison vom 1. Juni bis 30. Oktober geöffnet ist, jedoch zwischen Colle Basset und Pian dell' Alpe eine Sperrung für Kraftfahrzeuge in den Monaten Juli und August, am Mittwoch und Samstag, von 9 bis 17 Uhr, besteht. Kompliziert? Nein - nicht wirklich, denn dieses Jahr planen wir ja zunächst eine ausgewachsene Wanderung auf der oberen Assietta. Ausgangspunkt für diese landschaftlich wunderbare Wanderung ist der Colle delle Finestre. Diese alte Militärstraße ist im ursprünglichen Sinne keine Kammstraße sondern eher eine reine Gipfelstraße. Sie schlängelt sich genau auf den Berggipfeln zwischen dem Finestre und dem Col de Assietta ca. 20 Kilometer in durchschnittlich 2700 Metern Höhe über das Susa-Tal entlang. Seit dem Jahre 2004 ist die Strecke ausschließlich versierten Mountain-Bikern und Wanderern vorbehalten. Schon immer hatte ich den Wunsch, diese Strecke kennenzulernen. Also tauschen wir den Companero gegen lockere Trekkingbekleidung, lassen unsere Mopeds auf dem Finestre zurück und begeben uns auf eine Wanderung der Extraklasse.

Wir passieren den Colle de la Lecchia und erreichen nach ca. 4 Stunden beschwerlichen Marsch die Cima Ciantiplagma auf 2849 Metern Höhen. Was für ein berauschender Aus-, Fern- und Weitblick! Zurück auf dem Col de Fenestre brennen zwar die Füße und Oberschenkel - aber wir haben uns ja für heute einen echten Enduro-Duathlon vorgenommen: Wandern und Offroadfahren. Die Wanderung haben wir hinter uns gebracht - und obwohl die Sonne bereits tief steht machen wir uns auf, um die reguläre Assietta mit dem Moped zu befahren. Die Kammstraße (stradadellassietta.it) erstreckt sich von der Südrampe des Colle delle Finestre über den Colle dell'Assietta bis hin zum höchsten Punkt, den Colle di Sestriere. Das überwältigende Panorama der Bergketten entlang der Route ist der Höhepunkt dieser Alpenstrecke. Das knapp 40 Kilometer lange ehemalige Militärsträßchen vermittelt eine einzigartige "Gratwanderung". Es verläuft von der Südrampe des Colle delle Finistre über zahlreiche Hochpunkte. Man genießt eine Vielzahl an Weit- und Ausblicken und wir haben das große Glück, ziemlich alleine in dieser grandiosen Natur zu sein. Die beiden fahrerischen Highlights der diesjährigen Offroad-Tour warten am nächsten Morgen auf uns. Bei Kaiserwetter machen wir uns nach einem frühen Frühstück auf die Fahrt zum höchsten, legal anfahrbaren Punkt der gesamten Alpen. Der Colle Sommeiller ist vor allem bekannt durch das jährlich am zweiten Juliwochenende stattfindende Motorradtreffen "Stella Alpina". Die Befahrung ist wegen des am Westhang nur langsam abtauenden Schnees oft nur im Spätsommer oder Frühherbst möglich. Die Anfahrt beginnt in Bardonecchia und führt - zunächst noch asphaltiert - zu dem kleinen Ort Rochemolles. Kurz danach beginnt der unbefestigte Teil der Strecke, der aber hier noch gut fahrbar ist. Es geht weiter, vorbei am Stausee Lago di Rochemolles und hinein in das Hochtal bis zum Rifugio Scarfiotti am Talschluss. Ab hier wird die Strecke sowohl gröber als auch schmaler. Über 16 Kehren erreicht man die sehr karge Pian dei Morti. Hat man die steinige Hochebene passiert, folgt noch einmal ein Anstieg über mehrere Kehren hinauf bis zu einer als Wanderparkplatz hergerichteten Fläche. Eine Abfahrt nach Frankreich ist nicht möglich, auch die eigentliche Scheitelhöhe des Passes selbst kann nicht angefahren werden.

Sie liegt nordöstlich eines kleinen Sees und ist - wie dieser auch - nur zu Fuß erreichbar. Als wir auf dem Hochplateau ankommen, da traue ich meinen Augen fast nicht. Ein Land Rover steht mutterseelenalleine zu dieser frühen Stunde unweit vom Sommeiller-See entfernt und auf der Kühlerhaube räkelt sich Susi in der alpinen Sonne auf über 3000 Metern Höhe. Ein Blick auf das Kennzeichen des Autos lässt erkennen, dass die Lady aus Berlin kommt. Sie erklärt, dass sie die Nacht mit Ihrem Freund und drei Hunden hier oben verbracht hat, um den Sonnenaufgang zu genießen. Coole Idee, schießt es mir durch den Kopf - ich bin allerdings so ein "Weichei", dass ich abends ein gepflegtes Gläschen Rotwein, eine Dusche und ein Bett vorziehe...

Am Nachmittag fahren wir dann ein kleines Stück durch Frankreich zum 2672 Meter hohen Col du Parpaillon. Die unbefestigte Strecke über den Col du Parpaillon verbindet Châtelard im Ubaye-Tal mit Embrun im Durance-Tal. Der berühmt-berüchtigte Scheiteltunnel des Col du Parpaillon kann es dabei in sich haben: Der Untergrund im Tunnel variiert je nach Wetter und Jahreszeit von tiefen Pfützen über schmierigen Schlamm bis zur soliden Eisplatte. Die eigentliche Passhöhe befindet sich in 2780 Metern Seehöhe. Diese kann jedoch nicht angefahren werden, da unter dem Passscheitel ein 520 Meter langer Tunnel in 2637 Metern Höhe die Südostrampe mit der Nordwestrampe verbindet. Die Erbauung der hochalpinen Strecke durch französische Soldaten begann im Jahre 1891 und fand aufgrund der widrigen hochalpinen Verhältnisse sowie der Schwierigkeiten beim Bau des für damalige Verhältnisse sehr langen Scheiteltunnels erst nach 20 Jahren im Sommer 1911 ihren Abschluss. Landschaftlich ist diese Strecke eine der spektakulärsten Offroad-Straßen im Piemont. Vorsicht ist allerdings in hohem Maße auf beiden Passrampen angebracht: der Untergrund der nicht randgesicherten Strecke besteht hier zum Teil aus sehr grobem Schotter und kann die Fahrt zu einer schmierigen und komplizierten Route machen.

Das Piemont ist wirklich eine beeindruckende Landschaft. Fast nahtlos reihen sich die Offroad-Touren aneinander. Am nächsten Tag steht die Maira-Stura-Kammstraße auf dem Programm. Sie startet von der Ortschaft Delmonte aus kommend auf dem 2416 Metern hohen Colle Valcavera und verbindet das Maira-Tal und Stura-Tal miteinander. Fahrtechnisch ist die alte Militärstraße auf der früher schwere Gerätschaften transportiert wurden nicht überaus anspruchsvoll. Sie schlängelt sich auf knapp 30 Kilometer auf einem ziemlich gleichbleibenden Höhenniveau durch eine faszinierende Bergwelt. Ganz anders präsentieren sich die beiden Stichwege auf den Colle del Mulo mit 2527 Metern Höhe sowie den Colle d'Anoccia mit 2533 Metern Höhe. Diese beiden Stichwege sollten wirklich nur die ambitionierten Endurofahrer einschlagen. Extrem grober Schotter, Steigungen von bis zu 30 Prozent und kaum Ausweichstellen für Motorräder sorgen für adrenalindurchflutete Adern und den nötigen Thrill. Die Endpunkte der beiden Stickstraßen sind so beschaffen, dass sie großartige Ausblicke in die benachbarten Täler bieten, in die man als Wanderer auch absteigen könnte. Ein Blick auf die Landkarte machte uns bereits im vergangenen Jahr auf den Col La Colletta aufmerksam. Schnell haben wir den Ausgangspunkt dieser alten Militärstraße in Accellio angefahren und nun beginnt ein Offroad-Abenteuer auf 2830 Meter Höhe. Der Weg ist in einem schwierigen Zustand und nicht umsonst wird diese Straße unter den "100 dangerous roads of the world" gelistet. Vor allem der Teil ab ca. 2500 Meter Meereshöhe ist in einem sehr ruppigen Zustand der reichlich Angstschweiß auf die Stirne treibt. Die letzten Höhenmeter bis zu einem alten Sperrfort auf einem ausschließlich für Enduros zu befahrenen, knapp einem Meter breiten, extrem ausgesetzten Pfad mit einer Hangneigung von ca. 35 - 40 Grad, sind die Krönung dieser Fahrt.

Und wie das so ist - in einem Augenblick ist man noch völlig von der grandiosen Landschaft fasziniert - im nächsten Augenblick befindet man sich bereits in voller Fahrt auf diesem sehr schwierigen Endstück. Als Endurofahrer hat man gelernt: Wenn es schwierig wird - mehr Gas geben. Und wenn es noch schwieriger wird - dann noch mehr Gas geben... Und so "fliegen" quasi die letzten Meter bis zum Gipfel hinauf und schauen uns ungläubig an, dass wir diese Stelle eigentlich ganz einfach bewältigt haben. Und auch hier tauschen wir die Motorradkleidung gegen Trekkingkleider und erleben in diesem prächtigen Alpenpanorama eine wunderbare Wanderung entlang der alten Grenze zwischen Italien und Frankreich, mitten im frühen Kriegsgebiet auf fast 3000 Metern Höhe. Bei unserer Wanderung auf den Monte Bellino mit 2942 Metern Höhe scheint es fast so, als ob wir die einschlagenden Mörsergranaten, Schüsse aus alten Gewehren und Schreie der Soldaten an dieser Front hören könnten...

Wie bei allen Kriegsschauplätzen auf dieser Welt, wird die Fantasie nur einen Bruchteil der brutalen Gewalt wieder spiegeln. Ich bin sehr froh, dass ich in meinem Leben noch nie einen Krieg erleben musste - und ich habe auch die gute Hoffnung, dass ich nie einen Krieg erleben werde. Ziemlich demütig und auch gedankenversunken verbringen wir den Tag in diesem landschaftlichen so beeindruckenden Gebiet, bevor wir am späten Nachmittag vom Col La Colletta zurück nach Accellio fahren. Von den vielen Militärstraßen, welche Italien zwischen den beiden Weltkriegen an seinen Grenzen gebaut hat, ist die Ligurische Grenzkammstraße mit rund 60 Kilometern Länge die abgelegenste Kammstraße in diesem großen Grenzgebiet. Die Kammstraße verläuft vom kleinen und malerischen Städtchen Tenda aus zumeist auf Höhenlagen zwischen 1900 und 2100 m im oberen Royatal und berührt gelegentlich auch französisches Territorium. Dieser für eine Militärstraße merkwürdige Umstand erklärt sich dadurch, dass in der Region der Grenzverlauf vor 1947 teilweise ein anderer war als heute. Zahlreiche Militärforts, wie das Forte Centrale am Tenda-Pass aus dem Jahre 1880, säumen die hochalpine Kammstraße. Die meisten Höhenforts wurden zwischen 1880 und 1940 erbaut. In der Vergangenheit diente die Kammstraße nicht selten als Schmugglerpfad - heute wird sie hauptsächlich von Schotterfreunden benutzt.

Da wir uns fest vorgenommen hatten so wenig wie möglich Teer, sondern viel Schotter und die Räder zu nehmen, ist es nur allzu logisch, genau mit dieser ausgesetzten und teilweise auch recht schwierig zu befahrenen Militärstraße unser Offroad-Abenteuer in diesem Jahr zu krönen. Allein schon den Einstieg zu dieser Schotterstraße zu finden war nicht ganz einfach. Obwohl wir die Ligurische Grenzkammstraße bereits von früheren Touren kennen, sind wir jedes Mal überrascht, in welch wechselhaftem Zustand die Zufahrtsstraßen sind. Wir tuckern mit unseren Enduros entlang einer atemberaubenden Natur in Richtung Col de Seigneurs. Die Kammstraße, welche geländebedingt rechts und links des italienischen Grenzgebiets zur Scheitelhöhe leitet, ist in ihrem gesamten Verlauf einspurig, selten knapp zweispurig.

Es gibt viele Engstellen und diese Kammstraße ist häufig extrem ausgesetzt. Ein falscher Dreh am Gashahn und man würde stellenweise tatsächlich viele hundert Meter weit stürzen. Aber gerade diese Steilheit des Geländes macht den besonderen Reiz dieser Schotterstraße aus. Aber diese Ausgesetztheit birgt noch eine weitere Schwierigkeit - man stößt auf keinerlei Zivilisation auf diesen gut 60 Kilometern. Das ist einerseits richtig schön, andererseits ist die nächste Hilfe weit entfernt sollte mal etwas Unvorhergesehenes wie eine Panne oder ein Sturz passieren.

Die Ligurische Grenzkammstraße war und ist sicher ein Höhepunkt für jeden Offroad-Fahrer. Leider - oder glücklicherweise hat sich die Beschaffenheit dieser Offroadstrecke in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Was einst ein wirkliches Abenteuer war, ist heute für den versierten Endurofahrer im ersten Drittel dieser Tour ein Kinderspiel geworden. Am Colle de Tenda wartet eine Mautstation auf den Lenker einer Enduro bzw. eines Geländewagens. Zehn Euro darf man für das Permit bezahlen. Dafür ist die einst anspruchsvolle Strecke vom Colle de Tenda bis zum Col des Seigneurs auf 2112 Metern Höhe zu einer Offroad-Autobahn ausgebaut... Gut - ich übertreibe ein bisschen, aber die vielen stufenartigen Absätze sind alle begradigt, sodass einem der früher für Abenteuer vorbehaltende Refugio Don Barbara, Damen und Herren mit leichtem Schuhwerk, Röcken und kurzen Hosen entgegen kommen. Hier wurde sogar extra ein "Parkplatz" angelegt, um den Touristen das Parkieren Ihrer riesengroßen SUVs zu erleichtern.

Auf der einen Seite ist es ja begrüßenswert, die Naturschönheiten auch für weniger abenteuerlich eingestellte offroad-affine Menschen zu öffnen - auf der anderen Seite mutet diese Tendenz doch auch ein bisschen schockierend an. Mit bestem Equipment - aber mit wenig Kenntnis lenken diese großen SUVs ihrem Ziel, dem Col des Seigneurs entgegen. Die einzige Herausforderung ist es, wenn Gegenverkehr aufkommt - dann sind diese Lenker sehr schnell an ihren Grenzen, denn rückwärtsfahren ist nicht jedermanns Sache - vor allem wenn die Rückfahrkamera beim Edel-SUV total eingestaubt ist. Ganz anders präsentiert sich die Ligurische Grenzkammstraße ab dem Col des Seigneurs. Die Weiterfahrt zum Monte Saccarello, welcher der höchste Berg der italienischen Region Ligurien ist, zeigt sich diese Grenzkammstraße von ihrer nach wie vor wilden Seite. Hier kommen dann doch nur die versierten Offroad-Liebhaber hin, die neben Abenteuer auch wirklich echtes Schottervergnügen suchen. Der Monte Saccarello liegt direkt an der Grenze zu Frankreich, der 2201 Meter hohe Gipfel gehört bereits zum Departement Alpes-Maritimes. Der Berg kann über eine etwa zwei Kilometer lange Straße angefahren werden, die kurz unter dem Gipfel endet. Sie zweigt von der Ligurischen Grenzkammstraße ab.

Auf dem Berg befinden sich eine bekannte Erlöserstatue und eine kleine Kapelle. Von hier aus hat man bei guter Sicht nicht nur ein atemberaubendes 360Grad-Bergpanorama, sondern auch einen wunderbaren Fernblick bis zum Mittelmeer. Ich stehe heute bereits zum sechsten Mal in meiner Enduro-Karriere auf diesem Berg - und der Wettergott ist uns wirklich gut gesonnen - in weiter Ferne sehen wir das Mittelmeer wie einen großen Brillanten glänzen. Unsere Maxime "Kein Teer unter den Rädern" können wir heute bei unserer Weiterfahrt nach Dolceacqua treu bleiben. Eine große Überraschung erleben wir dann in der Nähe des Colla Melosa. Hier kommt uns Luigi auf einem Vespa-Roller entgegen. Er ist Schafhirte und möchte nach seiner Herde schauen, die von insgesamt sechs Hütehunden gesichert werden. Das ist nicht ungewöhnlich im Piemont und Ligurien - die Schäfer kommen ein- bis zweimal pro Woche zu der Herde, um die Hunde zu versorgen. Das war es dann. Den Rest der Zeit ist die Herde sich selbstüberlassen und die Hunde müssen aufpassen und die Herde zusammenhalten. Luigi mustert grinsend unsere großen Enduros, nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette, lächelt uns verschmitzt an, legt den Gang ein, winkt uns fröhlich zu und tuckert in Richtung des Saccarello an uns vorbei.

So langsam neigt sich unsere Reise dem Ende entgegen. Vielleicht einmal ein guter Augenblick um kurz inne zu halten. Bei dieser Reise fahre ich eine funkelnagelneue Africa Twin von Honda, die durch Touratech an verschiedenen Stellen veredelt wurde. Das Besondere an diesem Bike sind sicher nicht 95 Pferdestärken die bei höheren Drehzahlen wütend an der Kette für den nötigen Vorschub sorgen. Die Touratech-Sturzbügel sowie der Unterbodenschutz und die bequeme Sitzbank sind nur einige wenige Features, die von der Niedereschacher Edel-Schmiede für Offroad-Equipement, ausgestattet wurden. Aufsehenerregend ist auch das Automatikgetriebe der Honda. Ja - richtig - die Africa Twin gibt es mit einem Automatikgetriebe, dass sich wie bei einem Auto auch manuell schalten lässt. Und jetzt wird jeder "echte" Biker ja sofort sagen, dass das DCT-Konzept eher für Touristen und Genießer gedacht sei. Ich habe mich immer wieder dabei ertappt, dass die automatisierte Schaltung der Honda Africa Twin im Kurvengeschlängel etwas bringt, weil sie den Kopf frei hält, was wiederum der Konzentration förderlich ist.

Um die Schaltstrategie den individuellen Anforderungen anzupassen, gibt es neben dem Touringmodus gleich drei verschieden konfigurierte Sportmodi. Und im Gelände ist das Schalten auch nicht nötig, der Erste bleibt drin. Nun müsste eigentlich bei einem herkömmlichen Bike viel und fein koordiniert mit Kupplung und Gas gearbeitet werden. Nicht so beim DCT, da geht alles allein über den Gasgriff, der die elektrohydraulische Kupplung und damit den Leistungseinsatz wunderbar einfach und ganz exakt steuert. Wie eine Rekluse-Kupplung für Sportenduros. Abwürgen ist mit der neuen Honda Africa Twin kein Thema, weil schlicht unmöglich. Und wie gesagt, wenn man einen Gang manuell wechseln möchten, dann reicht ein einfacher Klick an der sehr gut platzierten Minus- oder Plustaste. Von manchen Fahrern wird das zusätzliche Gewicht von ca. 10 Kilogramm bei der Honda für das Automatikgetriebe bemängelt. Da lächele ich milde... Zum einen könnte ich an meinem Körpergewicht mehr als 10 Kilogramm einsparen - zum anderen ist es eine Reise-Enduro - und ich fahre alle diese Strecken mit vollem Gepäck...

Da spielen 10 Kilogramm mehr oder weniger nun wirklich keine Rolle. Und auch ganz allgemein macht die Africa Twin einen sehr guten Eindruck im Gelände. Das 21 Zoll-Vorderrad pflügt sich seinen Weg durch ruppige Auffahrten und hält die Spur. Wenn ich irgendetwas an diesem Motorrad negativ kritisieren müsste, dann vielleicht die Motorenleistung - ich bin schon ein Kind der Leistungsgesellschaft - und da habe ich nichts dagegen, wenn auch das Töff mehr als Leistung hätte. Der alte Spruch - keiner brauchts - vor allem nicht im Offroad-Bereich - aber 160 Pferdestärken sind auch für eine Enduro kein Fehler... Unser letzter Tag ist angebrochen. Wir entschließen uns einen kurzen Espresso am Meer in Ventimiglia zu trinken um dann den ersten Teil der Ligurischen Grenzkammstraße von Camporosso zum Passo di Gouta zu fahren. Die Ligurische Grenzkammstraße wurde ja ursprünglich wirklich direkt vom ligurischen Meer in die Berge durchgehend gebaut, um in den Westalpen die Front zu verteidigen. Ab Camporosso kann man dann eine Offroad-Strecke genießen, die von Jahr zu Jahr ruppiger wird. Dicker und teilweise sehr tiefer Schotter zeichnet diese Strecke aus. Die in Richtung Grenzkamm weiterführenden Strecken sind unbefestigt, schmal und teilweise nur zu Fuß passierbar.

Hier kommen dann Wanderer, Trial- und Mountain-Bike-Fahrer auf ihre Kosten. Das Gebiet ist zu großen Teilen dicht bewaldet. "Tja" - mit diesen Worten schließen wir am nächsten Tag unsere Helme, drücken den Start-Knopf und fahren los. Heute beginnt der Teil der Fahrt, zu der wohl kein Motorradfahrer Lust hat: Die Heimfahrt steht an. Nach diesen intensiven Offroad-Erlebnissen erscheinen die vielen Autobahn-Kilometer unerträglich lang. Aber eines ist gewiss - diese Erlebnisse in den Bergen werden uns die lange Winterpause im Gedächtnis sein und bereits auf der Heimfahrt bin ich wieder in Gedanken auf den abenteuerlichen Kammstraßen im Piemont und Ligurien. Vielleicht fahre ich im Herbst dieses Jahres doch noch einmal auf einen schnellen Sprung hierher. Ob die Reisezeit Ende August richtig oder falsch war, möchte ich nicht pauschal beantworten. Dieses Mal mussten wir uns nicht mit Schneefeldern wie sonst im September und Oktober herumschlagen. Dafür waren die Strecken sehr staubig und vor allem hatten wir schon viele Begegnungen mit anderen Offroadfahrern. Das ist auch mehr als verständlich, schließlich lässt sich das Piemont in nur ca. 6 Stunden Fahrzeit von Süddeutschland aus erreichen.

Viele Mopedfahrer haben perfekte Enduros, well equipped, made for adventure. Hier im Piemont kann man seiner Enduro einmal zeigen, wozu sie eigentlich gebaut ist und was sie alles verträgt und einstecken kann. Der Spaßfaktor ist enorm - und die vielen Albergos am Wegesrand sind Garant für kulinarische Köstlichkeiten.

Kategorie: Adventure | Travel