Im Land der Berber


Mit einer Gruppe Freunde hat Ewald Schmitt das Atlas-Gebirge in Marokko auf abenteuerlichen Pfaden mit Enduros überquert.

Text und Fotos: Ewald Schmitt

Hier irgendwo inmitten der Steinwüste am Südabhang des Antiatlas muss es liegen, das Dörfchen Askaoun. Unser Etappenziel. Doch während uns das Fahren auf den schmalen Hirtenwegen rund um den 3000 Meter hohen Amzdour zunächst großen Spaß bereitete, artet die Sache nun langsam in Arbeit aus.


Seit fast zwei Stunden haben wir keine Ansiedlung mehr passiert. Zum Glück haben die Enduros Motorschutzplatten, trotzdem kommen wir wegen der Steinbrocken, der scharfkantigen Basaltbruchstücke und der Geröllauflagen auf den Steinplatten nur noch langsam vorwärts. Kann das noch der in den Garmin-Maps angezeigte Weg sein? Öci stehen Zweifel ins Gesicht geschrieben, Gerhard fühlt sich ein wenig mulmig, und auch bei mir schwindet der Optimismus.


Als wir drei Viertel des Weges zurückgelegt haben, kommt schlagartig das Aus: Der Pfad führt geradewegs in eine Schlucht. Als kaum noch wahrnehmbare Spur verliert er sich zwischen riesigen Steinbrocken. Jetzt steht fest, dass wir unsere Tagesetappe nicht schaffen werden. Aber wenigstens reicht das Benzin, eine Tankstelle und eine Unterkunft für die Nacht zu suchen.

Karges Auskommen:
Hirtendorf am Amzdour (l.). ­Betagte Bordelektrik (M.).  Geschäftiges Treiben auf dem Berber-Markt in ­Imilchil (r.). 

Der nächste Fahrtag soll sich als Königsetappe unserer Reise erweisen: über 80 Prozent der Strecke verlaufen auf Pisten im Hochgebirge. Mit randvoll gefüllten Tanks und fest verschnürtem Gepäck machen wir uns auf den Weg. Wälder, wasserreiche Bäche, Berggipfel und tief eingeschnittene Täler fügen sich zu einem harmonischen Landschaftsbild. Bald erreichen wir den Abzweig zu einer West-Ost-Passage, die noch vor drei Jahren durch Bergrutsche und weggebrochene Wegstücke blockiert war. Nun aber haben wir verlässliche Informationen, dass sie durchgängig befahrbar sei.

Anspruchsvoll ist die Strecke dennoch: Steile Auf- und Abfahrten sind zu meistern, oft führt der schmale Weg hart am Abgrund entlang, grobes Geröll erschwert die Traktion und nicht nur einmal knickt die Streckenführung unvermittelt ab. Genau das wird dem vor­ausfahrenden Öci zum Verhängnis. Etwas viel Tempo, hartes Abbremsen, Geröll unter dem Vorderrad, und schon liegt die Fuhre auf der rechten Seite. Die Folge: Geprellte Muskelpartien, ein gestauchter Daumen, die Ténéré hat den rechten vorderen Blinker eingebüßt sowie einige zusätzliche Kratzer abgekriegt. Wir sind heilfroh, als wir wenig später Imilchil erreichen.

Im Ort herrscht ein dichtes Gewusel von Menschen zwischen zahllosen Marktständen und kleinen Buden, in denen Essen zubereitet wird. Da es schon Mittag ist, lassen wir uns in einem der Zelte nieder, eine abgezogene Ziege hängt vor dem Eingang, und auf dem Feuer schmurgeln die Tajines vor sich hin.
Hier sind wir es, die etwas exotisch wirken zwischen den Berbern mit ihren Turbanen und Käppchen oder den Frauen mit ihren Kopftüchern.
Mit fast leeren Tanks erreichen wir die vom Navigationsgerät angezeigte Tankstelle und statten uns mit einem Benzinvorrat für die letzte Etappe unserer Atlasüberquerung aus.

Schotter-Eldorado Hoher Atlas (u.). Wasserfall Cascade d'Ouzoud (r.).

Die Landschaft ändert sich rapide, an die Stelle von massivem Granit und steilen Felswänden treten Hochflächen in rund 3000 Metern Höhe. Auf den schnell zu fahrenden Schotterstrecken kommen wir zügig voran.


Der Fahrtag ist bereits fortgeschritten und Öcis Hauptscheinwerfer ist wieder einmal ausgefallen. Wir müssen unbedingt vor Anbruch der Dunkelheit unser Quartier Riad Musmery erreichen, denn es wird nichts nützen, zum wiederholten Male alles Gepäck abzubauen und erneut alle Sicherungen zu überprüfen. Zu allem Überfluss zeigt sich der Atlas von seiner kalten, regnerischen und finsteren Seite. Immer düsterere Wolken brauen sich zusammen, in der Ferne sehen wir bereits die Regenschwaden niedergehen. Und genau dort müssen wir hin, um das Quellgebiet des Dades zu erreichen.


In weiten Bögen führen die Schotterserpentinen von der Höhe hinab, zum Glück wird es auch wieder wärmer, und außer ein paar Spritzern sind wir glimpflich davongekommen.
Said wartet auch noch bei einbrechender Dunkelheit am Dorfeingang von Musmery neben dem Abzweig des Fußwegs, der zu seinem Lehmhaus führt. Sein Glaube daran, dass wir tatsächlich kommen, ist unerschütterlich. Endlich sind wir da.

Der Fluss macht's möglich: Landwirtschaft im Hohen Atlas (u.). Kein Strom aber gastfreundlich: Das Dorf Ait Ben Haddou (u.r.).

Er weist uns den Weg durch verwinkelte Ecken des Dorfs und über Geröllstufen hinunter an das Flüsschen Dades.
Saids Haus hat keine Fenster – in keinem Raum. Es gibt fünf Gästezimmer, drei davon haben wir belegt. Said entzündet die Kerzen, stellt getrocknete Rosenblätter als Duftspender auf und im Speiseraum steckt er ein Räucherstäbchen an. Als guter Gastgeber schenkt er süßen Pfefferminztee in hohem Bogen in kleine Teegläser. Wir genießen es, dass er Walnusskerne, kleine mürbe Gebäckstücke und viereckig geschnittene Stückchen serviert, die mit kandiertem Honig gefüllt sind. Bei den kleinen Köstlichkeiten freuen wir uns, dass wir uns bis hierher durchgekämpft haben.

REISEINFO

Allgemein

Marokko gilt als sicheres und politisch stabiles Reiseland. Die touristische Infrastruktur sowie die Polizeipräsenz erlauben einen kalkulierbaren Aufenthalt. Dennoch können wie in Europa terroristische Anschläge nicht ausgeschlossen werden. Taschendiebstahl ist ebenfalls ein Thema, das erhöhte Aufmerksamkeit verdient. Wer bei der Rast in einem der armen Bergdörfer das Bakschisch vergisst, dem können kleine Lausbuben bei der Abreise schon mal Steine hinterherwerfen.


Reisezeit

Entlang des Mittelmeers und bis zum Atlas herrscht den ganzen Sommer über trockenes und sehr heißes Wetter. Dort wird es erst ab September erträglich. Geht es in das Gebirge, sinkt die Temperatur um 0,7 Grad Celsius pro 100 Höhenmeter. Auf den 3000 Meter hohen Bergen kann es schon mal empfindlich kühl werden. September und Oktober sind als Reisezeit ideal, weil es trocken und nachts kühl ist.


Essen und Trinken

Wer reichlich Gemüse, Hirse, Couscous, scharfe Saucen und süße Desserts mag, wird sich in Marokko wie im siebten Himmel fühlen. Fleischesser kommen wegen der raren Kühlmöglichkeiten selten auf ihre Kosten, außer wenn an Markttagen Geschlachtetes zu haben ist. Allgegenwärtig ist der süße Minztee, der zur Begrüßung z. B. mit Plätzchen gereicht wird. Wein oder Bier gibt es in den Metropolen wie Agadir oder Marrakesch.


Unterkunft

Mit Hilfe von Google Maps lassen sich auch in den Bergdörfern kleine lokale Unterkünfte aufstöbern und mit hoher Antwortquote im Vorhinein reservieren. Nicht immer gibt es die gewünschte Anzahl an Zimmern, aber zusammenrücken geht ja auch. Spontan eine Unterkunft zu finden, kann schwierig werden.


Motorradfahren

In Marrakesch gibt es ein vielfältiges Angebot an Leihmotorrädern für jeden Einsatzzweck. Oft sind die Maschinen jedoch sehr betagt, unsere XT 660 hatten allesamt über 60.000 Kilometer auf der Uhr. Die Motoren liefen dennoch einwandfrei. Losgeschüttelte Schrauben, verschlissene Armaturen und eine störanfällige Elektrik verdienen dennoch permanente Aufmerksamkeit.
Wer auf Teerstraßen unterwegs ist, findet ohne Probleme genügend Tankstellen. Bei Reisen in abgelegene Regionen sollte der Benzinvorrat nicht zu knapp bemessen werden. Ordentliche Werkstätten oder Pannenhilfe für Reifen sind so gut wie nicht vorhanden. Wer im Atlas unterwegs ist, muss sich mit Elektrik, Kühlung und Antrieb auskennen und sich zu helfen wissen.

Kategorie: Adventure | Travel